Monsieur Santé

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Dr. rer. pol. Andreas Schiesser Umsatzgewinner und Verlierer – das neue Hepatitis-C-Medikament Sovaldi schlägt ein

„Bern bremst effiziente Hepatitis-C-Therapie“ kritisiert die aktuelle Ausgabe der NZZ am Sonntag das Bundesamt für Gesundheit – und schiesst damit auf den falschen Mann. Kritik verdient nämlich die Herstellerfirma Gilead, die einen exorbitant hohen Preis für das Medikament verlangt. Unter dem Titel „Bern bremst effiziente Hepatitis-C-Therapie“ berichtete die NZZ am Sonntag am letzten Sonntag (31.05.2015): …

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Gewinner & Verlierer OKP 2014 Medikamante„Bern bremst effiziente Hepatitis-C-Therapie“ kritisiert die aktuelle Ausgabe der NZZ am Sonntag das Bundesamt für Gesundheit – und schiesst damit auf den falschen Mann. Kritik verdient nämlich die Herstellerfirma Gilead, die einen exorbitant hohen Preis für das Medikament verlangt.

Unter dem Titel „Bern bremst effiziente Hepatitis-C-Therapie“ berichtete die NZZ am Sonntag am letzten Sonntag (31.05.2015): „Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) verhindert, dass Tausende an Hepatitis C Erkrankte eine heilende Therapie erhalten.“  Damit spielt die Autorin des Artikels auf die Limitation an, die das BAG für die Anwendung des Medikamentes festgelegt hat. Es soll nicht allen Hepatitis C-Patienten, sondern solchen im weit fortgeschrittenen Stadium abgegeben werden. Beim Medikament handelt es sich um Sovaldi, das seit 1. August 2014 mit der oben genannten Limitation von der obligatorischen Grundversicherung vergütet wird. Die santésuisse-Hitliste der Medikamente zeigt, dass Sovaldi mit über 20 Millionen Umsatzwachstum in praktisch einem halben Jahr zu den grossen  Gewinnern des letzten Jahres gehört – zusammen mit Xarelto und Eylea. Xarelto ist ein „Blutverdünner“,  der täglich einmal als  Tablette eingenommen wird und deshalb einfacher zu handhaben ist als die bewährten Coumarine Marcoumar und Sintrom, die wegen ihrer geringen therapeutischen Bandbreite monitoriert werden müssen. Eylea ist ein Konkurrenzprodukt zu Lucentis, das zur Behandlung der Makula-Degeneration eingesetzt wird.

Viel Umsatz dank neuem wirksamem Hepatitis-Medikament und exorbitant hohem Preis
Zu den grossen Gewinnern gehört auch Sovaldi,  das neue Medikament zur Behandlung von Hepatitis C mit einem Preis pro Packung von 19‘208.50 Franken. Eine Packung der heute breit angewandten Behandlung mit Interferon für ebenfalls vier Wochen (Pegasys 180 mcg) kostet  1113.25 Franken.

Der Umsatz von Sovaldi und der Kombination Harvoni (kassenzulässig seit Februar 2015), beide von der Firma Gilead, wird weiter enorm zunehmen.  Vor allem dann,  wenn das Medikament ohne die oben genannten Einschränkungen angewendet werden könnte. Die Ausweitung der Vergütungsmöglichkeit auf das tiefere Krankheits-Stadium F2 führt zu geschätzten Kosten von 2,2 Mrd Franken. Da die Firma Gilead befürchtet, dass in den nächsten Jahren neben den Medikamenten der Firma Abbvie (Viekirax, Exviera) noch weitere Wirkstoffe auf den Markt kommen, wird möglichst viel Druck für eine rasche Behandlung der betroffenen Hepatitis C-Patienten gemacht, um  – aus unternehmerischer Sicht – das Medikament möglichst breit verkaufen zu können und durch die Grundversicherung bezahlen zu lassen. Würde man die geschätzten 80‘000 infizierten Personen behandeln, so würde dies Kosten von rund sechs Milliarden Franken bedeuten. Dies wäre rund 24 Prozent der aktuellen Prämien in der Grundversicherung.

Kosten der Therapie sind auch ein Problem in den USA
Die Problematik der Vergütung der Hepatitis C-Therapie besteht weltweit. Sogar der amerikanische Kongress hat im Juli 2014 eine Untersuchung eingeleitet, da die Vergütung der Hepatitis C-Therapie die Budgets der staatlichen Krankenversicherung in den USA zu sprengen droht. In Frage gestellt wird das Funktionieren des Marktes.  Die Firma Gilead bietet die ganze dreimonatig Therapie in Ägypten für 900 $ an, was nicht mal den Kosten von 1000 $ pro Pille in den USA entspricht. Die Therapie dauert in der Regel drei Monate.

Studie stammt vom Hersteller
Interessant ist, dass die „Studie“ von der Herstellerfirma Gilead  angeregt  wurde. Die Studie ist eine Berechnung des Nutzen und der Kosten der Therapie mithilfe eines Markov-Modells. Die Annahmen zur Krankheitsentwicklung sollen ein Abbild der Realität sein und basieren auf verschiedenen Publikationen. Es stellt sich die Frage ob die Annahmen ein objektives Abbild der Realität in der Schweiz darstellen. Insbesondere die Verwendung von Phase 2 und 3-Studien der neuen Therapie mit Sovaldi  im Vergleich zu Ergebnissen aus dem klinischen Alltag der vorherigen Standardtherapie führt zu einer Beschönigung des Bildes zugunsten von Sovaldi. Um die Kosten der Nebenwirkungen der bisherigen Standardtherapie mit interferon zu berechnen, wurden nicht Zahlen aus der Schweiz beigezogen, was die Frage aufwirft, ob die bisherige Standardtherapie  bewusst negativ dargestellt wird. Weiter fussen die in der Studie verwendeten Übergänge der Krankheitsentwicklung  in ein späteres Stadium (Leberzirrhose und Leberkarzinom) nicht auf Evidenz. Es stellt sich die Frage, ob mit anderen Werten im Modell nicht auch andere Ergebnisse beim Nutzen resultieren würden. Wichtige Aspekte wie die Therapietreue – das konsequente Umsetzen des Therapieplans mit Sovaldi – wurde nicht in die Analyse eingebaut. Das konsequente Umsetzen einer Therapie ist aber entscheidend für den Behandlungserfolg. Dokumentiert wurde dies etwa bei der Therapie mit Interferon. Zwischen Phasen 2 und 3-Studien und dem klinischen Alltag bei normalen Behandlungen klafft eine grosse Lücke, so dass ohne Berücksichtigung dieses Aspektes die Aussagen bezüglich des Nutzens überhöht sind.

Weiter wäre es interessant  zu wissen, ob bei einem Krankheitsverlauf von 30 bis 40 Jahren der Übergang aus einem milden Stadium zwangsläufig zu einer Leberzirrhose und Leberkarzinom führen muss. Ein weiterer, wichtiger Aspekt:  Eine Behandlung mit der bisherigen Interferon-Standardtherapie ist erstens möglich und zweitens liegen die Heilungschancen (bei Genotyp 1)  bei konsequenter Einhaltung des Therapieplans bei 75 Prozent. Es wäre in Anbetracht der Kosten zu überlegen, ob nur bei Versagen der Standardtherapie eine neuere Hepatitis-C-Therapie eingesetzt werden soll. Statt einseitig  das BAG zu kritisieren, hätte der im NZZ-Artikel zitierte Andreas Wildi auch die Firma Gilead wegen des zu hohen Preises kritisieren können  – oder vertritt er vielleicht deren Interessen? Ein Schelm, wer Böses denkt.

Monsieur Santé ist
Dr. rer. pol. Andreas Schiesser

Sammler, Jäger und Gärtner im Gesundheitswesen seit  29 Jahren in unterschiedlichsten Funktionen. Projektleiter Medikamente bei santésuisse im Bereich der Grundlagen und Tarifstrukturen. Familienvater, Jogger.

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