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Silvia Schütz Privatdetektiv Maloney und die Komplementärmedizin – Teil 1

Wie Wirksamkeit durch die Politik und die Bundesverwaltung hergestellt wird – eine Fallstudie am Beispiel der Komplementärmedizin: Zweimal lehnte die zuständige Kommission die Aufnahme von vier komplementärmedizinischen Methoden in den Leistungskatalog der Grundversicherung ab. Das Eidgenössische Departement des Innern (EDI) will sie nun trotzdem aufnehmen. Ein Fall für Privatdetektiv Philip Maloney? Denn er weiss auch in komplizierten …

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MaloneyWie Wirksamkeit durch die Politik und die Bundesverwaltung hergestellt wird – eine Fallstudie am Beispiel der Komplementärmedizin: Zweimal lehnte die zuständige Kommission die Aufnahme von vier komplementärmedizinischen Methoden in den Leistungskatalog der Grundversicherung ab. Das Eidgenössische Departement des Innern (EDI) will sie nun trotzdem aufnehmen. Ein Fall für Privatdetektiv Philip Maloney? Denn er weiss auch in komplizierten Fällen stets: «So geht das!»

Was ist wirksam? Eine nur scheinbar einfache Frage, wie das Bier-Experiment des Psychologen Paul Enck zeigt: Vier Probanden tranken ihrer Meinung nach «normales» Bier, erhielten aber in Tat und Wahrheit ein Placebo – alkoholfreies Bier. «Einer von ihnen konnte nicht mehr auf dem Strich gehen und fand mit dem Zeigefinger seine Nase nicht. Er zeigte alle Anzeichen von Trunkenheit», erzählt Enck amüsiert. Er ist Professor in Psychologie und Placebo-Forscher an der Universitätsklinik Tübingen. Für ihn ist klar: Psyche und Placebo sind ein Paar, ob im positiven oder negativen Sinn. Denn Menschen, die Placebos erhalten, entwickeln auch die negativen Nebenwirkungen des vermeintlich verschriebenen Medikamentes. Ein Effekt, der unter dem Namen Nocebo (von lateinisch «schaden») bekannt ist. Ausläufer des Effektes kennt jeder, der «Unglück» denkt, wenn Freitag der 13. im Kalender aufscheint oder eine schwarze Katze die Strasse überquert. Wie entsteht Wirksamkeit? Im oberen Fall durch psychische Faktoren. Doch manchmal erschafft sie auch der Volkswille oder ein Amt, wie das Seilziehen um die definitive Aufnahme von vier komplementärmedizinischen Methoden in den Leistungskatalog zeigt.

Unschärfe «Wirksamkeit»
Lassen wir unseren Privatdetektiv also den Zankapfel in die Hand nehmen – die «WZW-Kriterien». Sie sind in Art. 32 Abs. 1 des Krankenversicherungsgesetzes (KVG) verankert. Dort heisst es, dass die «Leistungen wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich» sein müssen, damit sie von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) übernommen werden. Gemeint sind alle ärztlichen Leistungen, nicht nur diejenigen der Komplementärmedizin. Und weiter: «Die Wirksamkeit muss nach wissenschaftlichen Methoden nachgewiesen sein». Interessant ist, welche Änderungen dieser Gesetzestext im Laufe seiner Entstehung erfahren hat. Im Gesetzesentwurf des Bundesrates lauteten die Kriterien «Wissenschaftliche Anerkennung, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit». Der Satz: «Die Wirksamkeit muss nach wissenschaftlichen Methoden nachgewiesen sein», fehlte. Was auf den ersten Blick banal klingen mag, enthält Brisanz: Wird «wissenschaftlich anerkannt» durch «wirksam» ersetzt, so argumentierten damals Kritiker, würden Leistungen Tür und Tor geöffnet, die nicht den Kriterien der Schulmedizin entsprä- chen. Heinz Allenspach, FDP Zürich, vertrat 1993 im Nationalrat die unterlegene Minderheit der Expertenkommission, die den Begriffswechsel befürwortet hatte. Die neue Formulierung, so Allenspach in kernigen Worten, heisse nach dem Willen des Gesetzgebers nun aber nicht, dass «Methoden aus dem Steinzeitalter» oder Leistungen von «Scharlatanen und Quacksalbern» nun von der Krankenkasse bezahlt würden.1 Die Befürworter argumentierten, dass«schulmedizinische Studien», also die «wissenschaftliche Anerkennung», für komplementärmedizinische Behandlungen zu aufwändig seien. Auch deshalb, weil sich deren Wirkung individuell unterscheide. Weitere Argumente: Wirksamkeit muss so nachgewiesen werden, dass sie für Dritte rational nachvollziehbar ist; die rein naturwissenschaftliche Betrachtungsweise mit klinischen (Doppel-)Blindstudien ist dafür nicht notwendig. Die praktische Erfahrung der Ärzte und die Anwendungstradition sind bei der Komplementärmedizin zentral.

Placebo oder wirksam?
Vor allem die Homöopathie teilt Befürworter und Kritiker in zwei unvereinbare Lager. Jürgen Windeler, seit 1. September 2010 Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG ) in Köln, hat sich jahrelang mit der Homöopathie auseinandergesetzt und ist überzeugt, dass das Konzept widerlegt ist. «Bis heute ist nicht bewiesen, dass die Methode einen medizinischen Nutzen hat», sagt er stellvertretend für die Skeptiker. «Man muss gar nicht weiterforschen, die Sache ist erledigt.» Auch die 2005 im Lancet erschienene Studie des ISPM Bern stellt fest, «dass die klinischen Effekte der Homöopathie Placeboeffekte sind».2 Das Design dieser Studie entspricht den höchsten Ansprüchen.

Boykott von homöopathischen Studien
Dr. med. Beat Spring vom Institut für Komplementärmedizin der Universität Bern bemängelt in einer Replik auf die Berner Studie,dass Untersuchungen, die in ihrem Design die grundlegenden Elemente homöopathischer Therapie berücksichtigten und deshalb auch aus homöopathischer Sicht akzeptierbar seien, von den wissenschaftlichen Fachmagazinen nicht veröffentlicht würden. «Rechtfertigungsstudien» mit vorgegebenen Methodologien würden der homöopathischen Arbeitsweise nicht gerecht, und der Versuch, dieselbe dem Studiendesign anzupassen, berge die Gefahr, essentielle Prinzipien der Methode Homöopathie zu verletzen – mit negativer Auswirkung auf den Erfolg. Das Bundesgericht unterstützt diese Sichtweise in einem älteren Urteil, hält allerdings fest, dass die Fallzahlen homöopathischer Studien so hoch sein müssen, dass «sich die Ergebnisse nicht mehr durch die natürlichen Selbstheilungskräfte oder die Suggestivität der Behandlung (Placebo-Effekt) allein erklären lassen.»

Maloney ist verwirrt, lässt aber nicht locker. Die Lösung des Falls folgt in Teil 2.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in infosantésuisse 1/2015.

Madame Santé ist
Silvia Schütz

Ich bin Projektleiterin Kommunikation bei santésuisse für die Deutschschweiz.

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