Monsieur Santé

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Jean-Paul Brönnimann Weshalb die Grundversicherung nicht jeden Rücktransport in die Schweiz zahlt

Während einer Sylvester-Party wird ein Schweizer in Bulgarien bis zur Bewusstlosigkeit verprügelt. Mit Kopfverletzungen wird er in ein lokales Spital eingeliefert. Die hygienischen Verhältnisse sowie die Behandlungen entsprechen jedoch längst nicht dem schweizerischen Standard. Dies alleine rechtfertigt jedoch keine Rückreise in die Schweiz, sagt die zuständige Krankenkasse. Genüsslich hat die Boulevard-Presse dieses Ereignis aufgenommen und – einmal mehr – eine Krankenkasse …

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Young man being mugged in a dark tunnel

Während einer Sylvester-Party wird ein Schweizer in Bulgarien bis zur Bewusstlosigkeit verprügelt. Mit Kopfverletzungen wird er in ein lokales Spital eingeliefert. Die hygienischen Verhältnisse sowie die Behandlungen entsprechen jedoch längst nicht dem schweizerischen Standard. Dies alleine rechtfertigt jedoch keine Rückreise in die Schweiz, sagt die zuständige Krankenkasse.

Genüsslich hat die Boulevard-Presse dieses Ereignis aufgenommen und – einmal mehr – eine Krankenkasse pauschal und ohne Hintergrundwissen abqualifiziert. Das kann man nicht so stehen lassen, findet Monsieur Santé.

Ein paar wichtige Fakten vorweg
Eine im Rahmen einer Schlägerei erlittene Verletzung gilt rechtlich als Unfall. Die Kosten der notwendigen ärztlichen Behandlung (Heilungskosten) sowie für den Rücktransport in die Schweiz werden von der Unfallversicherung nach UVG ganz oder teilweise übernommen. Nicht alle Personen sind jedoch obligatorisch nach UVG versichert. Für die Vergütung der Unfallkosten kommen auch Krankenversicherer in Frage, soweit dafür keine Unfallversicherung aufkommt (Art. 1a Abs. 2 Bst. b KVG). Ein Regress bei grober Fahrlässigkeit auf den Versicherten bzw. eine Kürzung der Leistung infolge Selbstverschulden ist – im Gegensatz zur Unfallversicherung nach UVG – im obligatorischen Krankenversicherungsbereich nicht vorgesehen. Im Zusatzversicherungsbereich hingegen schon.

Sofern die obligatorische Krankenversicherung für den Unfall zuständig ist, gelten die gesetzlichen Vorschriften der Krankenversicherung. Dies gilt insbesondere auch in Bezug auf die Frage des Rücktransports aus dem Ausland. Ferner haben Schweizer Krankenversicherte aufgrund der bilateralen Regelungen zwischen der Schweiz und der EU/EFTA – auch bei einem vorübergehenden Aufenthalt in Bulgarien – Anspruch auf diejenigen Leistungen ihrer Krankenkasse, die sich medizinisch als notwendig erweisen. Der Umfang des Leistungsanspruchs ist identisch, wie derjenige eines in Bulgarien gesetzlich Krankenversicherten (siehe die Broschüre «Unterwegs in Bulgarien» der schweizerischen Verbindungsstelle).

Rücktransport in die Schweiz (Repatriierung)
Die obligatorische Unfallversicherung übernimmt – je nach Höhe der Rechnung – nur dann ganz oder anteilsweise die Kosten für eine Rückreise in die Schweiz, wenn diese medizinisch unumgänglich ist oder sofern familiäre Umstände dringend für eine Rückreise sprechen.

Gemäss schweizerischem Krankenversicherungsrecht stellen Rücktransporte hingegen keine kassenpflichtige Leistungen dar. Im Gegensatz zur obligatorischen Unfallversicherung übernimmt die obligatorische Krankenpflegeversicherung keine Kosten. Diese können schnell einmal mehrere 10’000 Franken betragen. Monsieur Santé hat aus diesem Grunde schon in einem früheren Beitrag empfohlen, vor dem Ferienantritt eine Ferien- und Reiseversicherung abzuschliessen.

Entscheid der Krankenkasse
In diesem konkreten Fall hat die zuständige Krankenkasse zur Frage des Rücktransport ihr Veto eingelegt. Dies offenbar trotz bestehender Zusatzversicherung. Als Begründung wurden die enormen Kosten sowie die fehlende medizinische Indikation genannt. Zudem sei der Standard des Spitals in diesem Fall – «bei dem keine Operation vorgenommen werden musste» – kein entscheidendes Kriterium.

Fazit von Monsieur Santé:
Es ist davon auszugehen, dass dieser Entscheid nicht aus der Luft gegriffen, sondern sorgfälltig – in Zusammenarbeit mit dem vertrauensärztlichen Dienst und nach Rücksprache mit den bulgarischen Ärzten – gefällt worden ist.  Die Berichterstattung der Boulevard-Presse ist reine Stimmungsmache und entbehrt jeder sachlichen Grundlage.

Monsieur Santé ist
Jean-Paul Brönnimann

Ich bin seit über 34 Jahren im sozialen Krankenversicherungsbereich tätig. Neben meinen Aufgaben als Experte im Fachbereich Leistungseinkauf bei tarifsuisse ag sowie als Vertreter von tarifsuisse ag in diversen paritätischen Kommissionen.
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