Monsieur Santé

Navigation anzeigen Startseite anzeigen Suchefeld anzeigen

Inge Bohmüller Wespenstich: Unfall – ja oder nein?

Lena (4) spielt verträumt mit ihren Puppen im Garten. Plötzlich durchdringt ein Schrei und herzzerreissendes Weinen die Stille. Eine Wespe hat Lena in die rechte Hand gestochen. Ihre Mutter eilt sofort herbei; sie kühlt die Einstichstelle mit Eis und trägt anschliessend eine juckreizstillende Salbe auf. Trotzdem schwillt die Hand innert kurzer Zeit um einiges an. Lena reagiert allergisch auf den Wespenstich! Ein sofortiger …

weiterlesen »

Lena (4) spielt verträumt mit ihren Puppen im Garten. Plötzlich durchdringt ein Schrei und herzzerreissendes Weinen die Stille. Eine Wespe hat Lena in die rechte Hand gestochen. Ihre Mutter eilt sofort herbei; sie kühlt die Einstichstelle mit Eis und trägt anschliessend eine juckreizstillende Salbe auf. Trotzdem schwillt die Hand innert kurzer Zeit um einiges an. Lena reagiert allergisch auf den Wespenstich! Ein sofortiger Arztbesuch ist angebracht. Was meinen Sie, gilt ein Wespenstich als Unfall? 

Der Unfallbegriff wird im Bundesgesetz über den allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) wie folgt beschrieben:

Unfall ist die plötzliche, nicht beabsichtigte, schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen, äusseren Faktors auf den menschlichen Körper, die eine Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat.

Genau mit diesem Thema haben sich die Teilnehmer des Lehrgangs Berufsprüfung Krankenversicherung auseinandergesetzt, welche im September gestartet haben. Die Studenten werden an insgesamt 22 Seminartagen die Schulbank drücken. Die vier Klassen in der Deutschschweiz und eine Klasse in der Westschweiz setzen sich aus einer kunterbunten Teilnehmerschar zusammen: Personen von verschiedenen Krankenversicherungen, mit verschiedenen Aufgaben und aus diversen Tätigkeitsbereichen, von der Leistungsabteilung über den Kundendienst bis hin zur Buchhaltung. Frauen und Männer zwischen 23 und 52 Jahren mit den unterschiedlichsten Vorbildungen, welche von Pharmaassistentin über Krankenschwester bis hin zur kaufmännischen Grundausbildung reichen.

Sie alle werden die nächsten 1 1/2 Jahre zusammen den Lehrgang Berufsprüfung Krankenversicherung besuchen, werden zudem in Eigenstudium und Lerngruppen miteinander die Welt der Kranken- und Sozialversicherungen genauer erkunden. Im Mai 2014 werden sie zur Berufsprüfung antreten, um den Fachausweis Krankenkversicherungsfachfrau/zum Krankenversicherungsfachmann  zu erlangen. Wir werden die Kursteilnehmer während ihres Studiums bei santésuisse mit meinen Blog-Beiträgen regelmässig begleiten.

Am 1. Seminartag wurde unter anderem auch die Definition des Unfall-Begriffes erläutert. Die Frage wurde aufgegriffen, ob es denn etwas ungewöhnliches sei, wenn eine Wespe zusticht… Es gibt eine Vielzahl an Vorfällen, die von den Unfallversicherungen nicht eindeutig als Unfall anerkannt werden können und es gibt bereits etliche Entscheidsammlungen darüber und Beispiele aus der Rechtsprechung. Wichtig für Sie als Versicherte, dass Versicherungsfachleute Situationen erkennen, bei denen eine andere Versicherung zuständig ist oder allenfalls ein Rückforderungsrecht (Regress) vorliegt, um bei der Haftpflichtversicherung des Unfallverursachers entstandene Kosten zurück zu fordern. Für Sie ebenso wichtig ist die folgende Regel: Ist die Zuständigkeitsfrage noch nicht geklärt, liegt die Vorleistungspflicht bei der Krankenversicherung! Sie als Versicherter sind also nicht die Leidtragenden, wenn sich zwei Sozialversicherungen noch nicht einig sind, welche der beiden zuständig ist.

Am Ende gut Kirschen essen
Lena geht es unterdessen wieder besser und ihre Mutter hat nun in ihrer Hausapotheke ein Notfallset mit Antihistaminikum. Die Arztkosten wurden von ihrer Krankenversicherung übernommen, sie hat nur die Kostenbeteiligung zu tragen. Da Lena noch ein Kind ist, hat sie ja sowieso den Unfall in ihrer obligatorischen Krankenversicherung eingeschlossen.

Die richtige Anwort beim Wespenstich lautet also «Ja», alle Faktoren des Unfallbegriffes sind erfüllt. Auch ein Bienenstich, der zu einer Vergiftung oder einer Infektion führt und eine Behandlung beim Arzt erfordert, gilt gemäss Praxis der obligatorischen Unfallversicherung als Unfallereignis.

Und wie sieht das Ganze bei einem Biss auf einen Kirschstein im selbstgebackenen Kuchen aus? Ist dies ein Unfall? Die Antwort ist «Nein»! – Hätten Sie es gewusst?

Beim selbstgebackenen Kirschkuchen ist der Faktor «ungewöhnlich» nicht erfüllt. Es ist nichts ungewöhnliches, dass sich in einem selbstgebackenen Kirschkuchen ein Kirschstein befindet. Machen Sie also Ihre Gäste in Zukunft darauf aufmerksam, wenn Sie Ihre eigenen Backkreationen anbieten!

Madame Santé ist
Inge Bohmüller

Seit 1997 bin ich in der Krankenversicherungsbranche tätig und seit Februar 2011 bei santésuisse zuständig als Projektleiterin für die Lehrgänge Berufsprüfung und Höhere Fachprüfung. Früher stellte ich als Bahnbetriebsdisponentin die Weichen für die Züge. Heute stelle ich sie für die Zukunft unserer kompetenten Krankenversicherungsfachleute und -experten!

Man findet mich auch auf XING und LinkedIn.